Harmlose Zeilen, zornige Zensoren

"Kürzen ...?" zierzirpt die Stimme einer gewissen Redakteurin auf meine diesbezügliche Frage (das witternde Misstrauen!) "Warum denn?" dünnselt aus dem Hörer, "der Artikel ist doch genau richtig so!" Frau ***, beamtete Redakteurin beim ***, wird es sich nach diesem Telefongespräch anders überlegt haben: Auf jeden Fall erscheint mein betreffender Artikel zensuriert, amputiert schließlich an mehr als dreißig Stellen.

Der Rotstift ist nicht das Sinnbild der Zensur, sondern dient der redaktionellen Bearbeitung von Artikeln, belehrt mich der Chef der Wochenendbeilage einer großen Tageszeitung. Die Zensur ist ein Stück würdige Arbeit. An fremden Texten rumzufummeln ist rühmlicher Einsatz.

Auf meinen Ingrimm, meine tief empfundene Entrüstung hin verteidigt Frau *** die Streichungen: "Was heißt denn z. B. ein 'artiger sozialer Touch', Herr Sandor?! Was ein 'schleckiges Begräbnis'? Und ein Gulasch, Herr Sandor, kann doch nicht von 'bügelfreier Qualität' sein!" Wie ihre Stimme dünn, so – scheint's – ist auch das Verständnis für Sprache mager: Worte, Formulierungen können durch *** nur vorgekaut, mit vorgebrauchtem Besteck genossen werden. Die Straße der Sprache, nicht wahr, ist doch schon ausreichend gut betoniert, ist flach und übersichtlich und also ungefährlich, nicht wahr, warum um Gottes Willen daneben fahren?! (Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt, fällt mir ein – sagte da nicht ein Berühmter was Ähnliches?)

***'s unerbittliche Zensur gilt nicht nur Unvorgekautem, nein, sie fragt im blinden Eifer des Tilgens, in der Sinnlichkeit des Streichens, selbst nach Zusammenhängen nicht: Da sie einen Schlüsselsatz wegredigiert, wird die ganze Einleitung des Artikels nichtssagend, ja bemühend, für den genau Lesenden eigentlich unverständlich. Zwei Absätze, in denen ich – kaum aufdringlich, mit zartester Engelszunge, um ja keine Industrie zu härmen – über Chemie in Dosen- und Beutelsuppen rede, fehlen ebenfalls. Mit dem Rotstift, auch hier, Staatserhaltendes zu leisten, das gehört wohl zu ***'s schablonisierten Verhaltensweisen. Die, zugegeben, leicht despektierliche Erwähnung einer amerikanischen Zigaretten- und einiger japanischer Automarken wird – das ist nur gescheite Konsequenz –auch ein Opfer im Tanz hastig hingeworfener Deleaturzeichen.

Wo bloß, mit Verlaub, kaufen die Verleger solche Zeitungsbeamtinnen ein?, fragt Heinz am Stammtisch. Wurde Frau *** dem "Echo von Alpenmatt" abgeworben oder der, zugegeben etwas bekannteren Reisepostille "Wanderschuh und Fernschmerz"? Wo man sie auch her hat, Heinz, sie ist, wie man so sagt, kein Einzelfall, ist nur Glied, Händchen haltend, links und rechts, im Reigen manisch tilgender – Verzeihung: redigierender Zeitungsbürokraten.

Bei der Linken z. B., beim Schweizer Wochenblatt, dessen oblong geheultes "ooo" im Namen an den Knotenpunkten der Stadt Zürich am Erscheinungsabend die Passanten aufrüttelt, werde ich von einem sanften Kulturbefugten überdeutlich gedrängt, auf die Erwähnung der Automarke "Jaguar" zu verzichten – ein gewisser Schweizer Schreibstar, dem das Wochenblatt zu Dank überaus verpflichtet, besäße nämlich ein hochglänzendes, turtlewaxpoliertes Exemplar dieses Kraftwagens und würde nun, entdeckte er besagtes Warenzeichen hier, überaus ausfallend und rustikal reagieren ... Ich verzichte. Der Schreibstar, der linke, soll meine Atemluft guter Dinge vergiften.

Im Blatt *** wird mir das schreiberische Junktim von einem Kalvarienberg, einem Kirchhof und einer Autostraße zum Verhängnis; in der Zeitung *** die unstatthafte Vermählung der verbretterten Stirnfront bernischer Bauernhäuser mit den Taten gewisser auf Geheiß der Regierung den *** Verwaltender. Das Oberhaupt der bunten Beilage einer großen Tageszeitung, frei mit fremdem Geisteseigentum jonglierend, stochert lustreich in meinem Bericht über einen Polizisten, dessen Person und Schicksal schließlich, mal hier angenagt und dort angeknabbert, ungeklärt, ungewiss und unentschieden, doch zur Legende wurde. Im Bemühen, meine Zeilen dem eigenen umstürzlerischen Elan des Mitte-links-Zeitungsbeamten mittels Rotstift anzugleichen, werden Aussagen in meinem Text immer leiser, wird die Wahrheit zuletzt verschwindend blass. Allerdings – eine gewisse Großzügigkeit kann diesem Steuermann nicht abgesprochen werden: Meine subversive Bemerkung "das Unerlässliche zur Mannwerdung, die Rekrutenschule" darf nach längerem Gerangel gedruckt werden. Eine gewisse verschlimmbessernde Tätigkeit kann diesem Boss freilich ebenfalls nicht abgesprochen werden: Nach seinem Rotstift stehen Personen schulaufsatzmäßig unvermittelt im Text; auch scheint er dem Leser seiner bunten Beilage keine große Allgemeinbildung zuzutrauen, denn er tut der Erwähnung einer "Menora" stante pede die christliche Umschreibung anhängen – und das mitten in einem (meinem Zartsinn nach:) durchaus episch anmutenden Sätzchen des Textes. Als gäbe es keine Fußnoten. (Ich kann in mir den Drang nicht zähmen, mit dem hämischen Hinweis zu schließen, dass dieser Chef, verhandelnd wie in einem Türkenbasar, auch noch mein Honorar drückte, er, der fürstlich verdienende Eigenheimbesitzer, mir, dem Sansculotten mit den Löchern in beiden Schuhsohlen ...) Allerdings, sagt der Chef, ist die Vermutung, der Zeitungsmacher habe "die Schere im Kopf", er übe Selbstzensur, nicht ganz abwegig. Eben. Deshalb u. a. kann meine Wenigkeit nicht Zeitungsbeamter werden.

P.S.: Balken und Splitter, occupe-toi de ton Kram – der Vollständigkeit halber soll angehängt werden, dass auch der Herausgeber einer Zeitschrift eines meiner Gedichte zensurieren wollte, mit dem Hinweis, es enthielte eine "Pornoszene" (dies genau war seine Benennung meiner harmlosen Zeilen). Er stellte sich, ein mutiger Sittenwärter, schützend vor seine gottbehauchten Abonnenten. Das Gedicht "Novaggio. Barbera" erschien dann doch. Und dem Herausgeber, Werner Bucher-Appenzellerli, wurde kein Härchen gekrümmt, und keine frommherzige Abonnentin seiner Heftchen kündigte den Bezug. (aus einer Zeitschrift)

(Sollte die erwähnte "Pornoszene" – aus welchen Gründen auch – jemanden interessieren, dann bitte hier klicken)

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