... in dem ein
Lancelot C. Sandor (nach anderen Quellen C. Lancelot Sandor)
für Kalamitäten sorgt

... in medias res: Sandor – wer? Lancelot – was? Kaum war sein Artikel in der Wochenendbeilage der linksliberalen Tageszeitung erschienen, da ging ein empörtes Raunen durch die mehr oder weniger geschlossenen Reihen der Sozialdemokraten, ein Zischen und Tuscheln in jüdischen Kreisen von Budapest bis Antwerpen, von Mailand bis Kopenhagen. Sandor wie? Lancelot was? – Daten über ihn wurden herumgereicht, mehr oder weniger heimlich aufgenommene Fotos seiner Person wanderten von Hand zu Hand. (Doppelmoral und Selbstgerechtigkeit von Juden wie Sozialdemokraten: Wenn es sein muss wird der Schutz personenbezogener Daten auch in diesen Milieus in kordialer Entente missachtet, die Privatsphäre hinter den Lippenbekenntnissen gern vergessen.)

Die Folge waren groteske Szenen, anekdotische Begebenheiten, der Lancelot C. avancierte zum unfreiwillig Mitwirkenden, zum stummen Hauptdarsteller in putzigen Slapsticks, komischen Vorfällen wie etwa: Zwei blasse Mitglieder, Sozialdemokraten, der Züricher Stadtregierung stoppen ihr Geplauder und fixieren unverwandt den entgegenkommenden Lancelot C. ... Dürrenmatt, Friedrich, am Stock humpelnd, heftet seinen Blick und dreht den schweren Kopf bis der Lancelot C. um die nächste Ecke verschwunden ... Tonsetzer Kurtág, aus der Toilette des Luzerner Konzertzentrums tretend, kleidet seinen Blick in düstere Feindseligkeit während er den Lancelot C. fast überrennt ... Autor Max Frisch steuert seinen Jaguar schier in einen Alleebaum, während er den lustwandelnden Lancelot anstiert ... Cellist Perényi stockt der Bogen als er den C. Lancelot im Publikum des Wiener Konzerthauses erblickt ... Der literarische Schwergewichtsproduzent und soz.-dem. Ghostwriter Bichsel Peter macht, verärgert, flugs kehrt, als er beim Betreten der Züricher Bodega den C. Lancelot an einem Tisch erblickt ... Diesen Lancelot sichtend tropfen Gift und Galle aus den empörten Augen des Kulturbürokraten Dieter Bachmann, noch durchs Fenster der vorbeifahrenden Straßenbahn ... Marcel Reich-Ranickis Rattern gerät ins Stocken, als er an der Buchmesse in Frankfurt des Lancelot C. ansichtig wird ... und was der Anekdoten mehr. – Der Schweizer Bundesrichter Harald Huber, Sozialdemokrat, schreibt einen ganzseitigen Artikel mit dem Titel "Sandor contra Grüninger" ...

sandor contra grüninger

Grüninger, Paul. Im März 1938 oberster Polizist im Schweizer Kanton Sankt Gallen, zu einem Zeitpunkt als Hitler in Österreich einmarschiert. Von da an behandeln die Österreicher ihre Landsleute jüdischer Abstammung mit einer Brutalität, die in Berlin erst später Mode wird. Auf die einsetzende Flüchtlingswelle aus dem Osten antwortet die Schweizer Regierung mit einer Schließung der Grenze zu Österreich. Einer Vielzahl der von nun an illegalen Flüchtlinge verhilft Grüninger trotzdem zu einer Aufenthaltserlaubnis. Sein Wirken ist sowohl seinem Vorgesetzten, einem sozialdemokratischen Regierungsrat, als auch dem Leiter des Israelitischen Gemeindebundes ein Dorn im Auge (der eine möchte nur ausgewählten Sozialdemokraten die Einreise ermöglichen, der andere will keine fremden Juden, weil er die Zunahme des Antisemitismus fürchtet). Schließlich wird Grüninger von beiden denunziert. Er wird sofort "unehrenhaft" entlassen, gerichtlich verurteilt, verliert auch seine Pension. Diesen Verrat durch Sozialdemokraten und führende Schweizer Juden machte Lancelot C. Sandor zum ersten Mal öffentlich.

Bundesrichter Harald Huber, ganz der Wahrheit und dem Recht verpflichtet, schreibt: "In Wirklichkeit hat sich Sandor diese ganze Räubergeschichte aus den Fingern gesogen!" Huber klagt nicht, er diffamiert nur in den Medien, er weiß schließlich sehr wohl, dass dieser Sandor Recht hat. Jahre vorher bereits, als das Schweizer Fernsehen ein harmloses Filmchen über Grüninger plante (ohne die Schuldigen an seiner Entlassung zu nennen), versucht Harald Huber dies zu verhindern – mit sanftem Druck zu zensurieren. Er schreibt (unter der Adresse "Bundesgericht" und mit dem Vermerk "vertraulich") an den Generaldirektor des Fernsehens: "Wird der Fernsehfilm so gedreht, so fällt automatisch ein dunkler Schatten auf Kanton und Bund ... Ich würde jedenfalls anregen, den Film nicht zu drehen, ohne vorher den ganzen Inhalt mit den zuständigen Behörden zu besprechen". Und in einem Schreiben an den Regierungsrat des Kantons St. Gallen (wiederum "Bundesgericht", wiederum "vertraulich"): "Generaldirektor Bezençon hat mir freundlicherweise das Drehbuch zur Einsichtnahme geschickt. Ich bin ziemlich entsetzt. Wird es so gesendet, dann geratet Ihr gehörig unter Beschuss." Um von der Denunzierung Grüningers durch Sozialdemokraten abzulenken, bezichtigt ihn Harald Huber unermüdlich der Unterschlagung, des Diebstahls, der finanziellen Ausnutzung jüdischer Flüchtlinge ("Dagegen weiß ich, dass seinerzeit Grüninger ganz andere Dinge vorgeworfen wurden und dass er in einem höchst zwielichtigen Sinn erschien." ... "Nicht nur der Hausmeister aus Wien hat einen Teil der Fluchtwerte eines Emigranten beansprucht, auch Herr Grüninger ließ sich mindestens in gewissen Fällen honorieren." Er habe "namhafte Geldzahlungen beansprucht.") Huber wird von Dr. Samuel Teitler, Präsident der IKG, (nach Huber "der angesehene Anwalt, frühere Kassationsgerichtspräsident und Ersatzrichter des Bundesgerichts"), sekundiert: Grüninger ist "ein Fass ohne Boden, denn Grüninger war schon früher ein unseriöser, haltloser Mensch und ist dies offenbar heute noch". – Für all diese ihre Anschuldigungen blieben beide Herren des Höheren Rechts allerdings die Beweise schuldig.

Die Tochter Grüningers, Ruth Roduner-Grüninger, beklagt sich beim Sandor: "Mussten Sie das machen!" (i. e. den Vater aus der Versenkung holen). Und der Lancelot C. bekommt seinen Teil an anonymen Briefen, an törichten telefonischen Drohungen.

Dann folgen seinem Artikel die Fledderer, die das Thema Grüninger aufgreifen. Paul Grüninger wird rehabilitiert, Straßen, Schulen, ein Stadion nach ihm benannt. Die Schweiz freut sich unisono, endlich einen Helden vorzuweisen für eine Zeit, in der sie jüdische Flüchtlinge kurzerhand und unbürokratisch ihren Henkern überreichte. Einen Helden, weniger legendenhaft als der Tell Wilhelm.

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