C. L. Sandor

einst, nach kurzem Einlauf in Budapest,
schrieb er sich an der Université libre de Bruxelles ein.
Dann jobbte er, unter Observation durch die Schweizer Volksfremden-Polizei, in Zürich
und kaufte sich eine Finca bei Almería am Meer.
Nach abgebrochener Erforschung der Lower East Side lebte er
gegen die Jahrtausendwende im graislichen Dialekt Wiens,
um dann ins Gomorrha Berlins zu wechseln, wo er nun seit geraumer Zeit
das Off-off-Szenarium mit dem konzisen Namen führt:
Poètes maudits 2004 – Querschiff für Lyrik

Die Zeiten ändern sich: Poètes maudits verläßt die Prenzlauer Erhöhung
für die Neuköllner Niederung. Und nennt sich fortan:
Poètes maudits 2010 – Fruchtbringende Prollstampe für Lyrik

Out of Neukölln 2012.
Alles hat ein Verfallsdatum. Der Maasdamer bei Aldi, die Bionade im Spätkauf, die Epidermis, die Sneakersohlen, das Feindbild des Neuköllners. Gestern noch, wie die Tage zuvor, schob sich mittags, von rechts einfallend, die Massigkeit Mamouds vors Fenster, links gefolgt von Mehmets Wuchs – eine kleine Eklipse im Raum fertigend. Laufjacken, Jogginghose mit Streifen als Beintracht, Basketballschuhe, grell bis neon, auf den Lippen die zarte Begrüßung "Isch ficke deine Mutter, isch mach dich Literaturhaus, Moruk!" Und draußen auf der Sonnenallee, bis zum S-Bahnhof hinunter, in Kneipen wie B-Lage, Kirk oder Ä oder Holzkohlen, grüßte man grinsend mit dem Kalauer "Zeilenbrecher – Schweinefresser".
Dann war die Rütli-Schule, war die türkische und arabische Mafia, war Sarrazin.
Nun ist Gentrifizierung angesagt. Der Hipster, der international geächtete, fliegt ein vom Londoner Shoreditch, stößt vor in den schmuddligen Problemkiez. Die eigens für die hedonistischen Narzissten sanierten Wohnungen verdrängen die eingeborenen Mini-Jobber, Hartz-IV-Arbeitslose. Der neoliberale Amerikaner, nach getaner Arbeit im New Yorker Lower East Side, fällt in New-Coelln ein. Der Tempelhofer Park wird nun Central Park gerufen, auf der Pannierstraße reihen sich bald Starbucks mit ihren Latte-macchiato-Mamachen, sterile Burgerkneipen. Cappuccino mit Sojamilch für 8 €. Am Tisch lehnt das Elektrorad mit Ledersattel von Brooks. Bald gibt es neben dem Dönerkebab das Angebot von artgerecht gemästetem Fleisch, Bio-Salat und blonden Kitas. Red Bull. No Gluten, please, no Laktose.

berlin haeuserkampf

Da fühlt sich der Neuköllner bzw. Berliner plötzlich überfremdet. In seiner Nostalgie de la boue gedeiht ein intoleranter linksfaschistischer Fremdenhass, der jedem, der nicht tätowiert ist, nicht jede Menge Metall im Gesicht trägt, dessen Outfit dem schnieken Kapuzenpulloverlook nicht entspricht, den Rat ins Ohr raunt, ratzfatz aus dem Kiez, besser ganz aus Berlin zu verschwinden. In Friedrichshain drüben hängen Plakate "Fhain den Fhainern", in Prenzlauer Berg "Schwaben töten" (alles außerhalb Brandenburgs ist bekanntlich "Schwabe") – wir warten auf den neu-alten Kriegsruf "Kreuzköllner Volk ohne Raum".
Out of Neukölln. Auf nach – vielleicht – Friedenau.

als er ...
... bloggte (Achtung! mit keinem der gebloggten Sätze läßt sich bolzen. Alles unpopulär)
... die FAZ, Maria Gazzetti, Théophile Gautier, Tess W., Hugh Kenner, Ludwig Uhland und H. M. Enzensberger zitierte
... unterm Dickicht der Auffahrtsrampen die Pearl Street querte
... noch im Tessin hauste
... komponierte und dann im Züricher Kunsthaus landete
... sich in einer Poetenszene anbiederte
... in der Züricher Villa Egli mit Super-8 hantierte
... eine Sonate für 1 Bleistift und die linke Hand schrieb
... mit Rühm, Gomringer und den Tischgenossen konkret feixte
... mit der Zensur schmuste
... Herbert Kaufmanns Grafikfolge "L'étoile noire" versprachlichte
... zum Sammlerstück degradiert wurde
... seine aufsäßigen Abneigungen in ein Blatt packte – kurz "Gefällt mir nicht"
... und mit Präferenzen tarierte – kurz "Gefällt mir"
... meinte, eine einfache Mailadresse genügte

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